Freimaurerei - Eine moderne Idee

Hans-Werner Hellberg

 

 

Ist Schweigen noch Gold?

Schweigen gehört aus der Tradition heraus zu den Verpflichtungen und Tugenden eines Freimaurers. Was jahrhundertelang für die Bewahrung der Geheimnisse der Baukunst wichtig und richtig war, wurde für das moderne Logenleben übernommen.

Logenbrüder sprachen nicht über ihre Mitgliedschaft. Man war „unter sich”, folgte dem Motto: Tue Gutes und rede nicht darüber. Man wirkte im Stillen und konnte stolz darauf sein.

Leider wurde durch die ursprünglich gewollte Distanz zur Öffentlichkeit auch der Spekulation Tür und Tor geöffnet. Wenn Menschen ein „Geheimnis” bewahren, liegt der Verdacht nahe, sie hätten allen Grund sich zu verbergen. Wie schnell entstehen Gerüchte und halten sich über lange Zeit! Wie schnell liest man in der Zeitung Verdächtigungen und obskure Rückschlüsse! Zu falschen Anschuldigungen und Intrigennahm man von Seiten der Freimaurer keine Stellung. Dem wahrhaftig Interessierten war es doch jederzeit möglich, sich in der umfangreichen und für jedermann zugänglichen Literatur über Geschichte und Ziele der Freimaurerei zu informieren. Öffentliche Ausstellungen und Vorträge in den Logenhäusern, Informationsabende in den einzelnen Logen, die das direkte Gespräch mit Freimaurern ermöglichen, und eine Info-Seite im Internet sollen den interessierten Menschen möglichst alle Fragen beantworten.

 

Keine Religion - Keine Kirche - Keine Sekte

Der Bund der Freimaurer zwingt seine Mitglieder nicht in eine bestimmte Lehre.  Jedes Mitglied ist frei in seiner Religionsausübung. Der Bruderbund ist weder Sekte, Kirche noch „Ersatzkirche”. Der Bund der Freimaurer in Deutschland hat allein „humanistisches Denken” zur Grundlage. Dies beinhaltet auch den Glauben an einen Gott und die Verpflichtung zur „Nächstenliebe”.

 

Ein wenig Geschichte

Die Wurzeln der Freimaurerei gehen zurück ins Mittelalter, in die Zeit der großen Kathedralenbauten. Reisende Baumeister und Steinmetze stellten ihr Fachwissen häufig für Jahre in den Dienst eines Projektes, zogen dann weiter, um ihre Kunst an anderer Stelle erneut einzubringen und zu vervollkommnen. Da es nicht sinnvoll war, sich einer ortsansässigen Innung anzuschließen, entstand eine eigene Zunft der reisenden Dombaumeister, deren Sitz die „Dombauhütte”, die „Loge” war. Mitglieder der Zunft gaben sich mit verabredeten Zeichen und Losungen zu erkennen. Ihrer so entstandenen eigenen „Innung” gehörten die Baumeister ihr ganzes Leben an. Es wurden Lehrlinge aufgenommen, die für würdig befunden worden waren, in die Geheimnisse der Baukunst eingeweiht zu werden. Aus den Lehrlingen wurden Gesellen und später Meister. Die Aufnahme und Beförderungen in diesen „Dombauhütten” wurde durch eine Reihe feierlicher Zeremonien vollzogen. In ihren Dombauhütten arbeiteten die Baumeister, Gesellen und Lehrlinge auch symbolisch an der „Errichtung ihres inneren Tempels zur Ehre Gottes und der Menschen”. So wurde der konkrete Bau auch mit dem Aufbau des Inneren des Menschen verglichen.

Als die Zeit der großen Dombauten vorbei war, traten immer mehr „Nichthandwerker” den Logen bei und nahmen deren überlieferte Ideale, nämlich Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Verschwiegenheit an. Viele berühmte Männer waren Mitglieder in Freimaurerlogen:

Friedrich der Große, Hardenberg, Gneisenau, Schadow, Herder, Mozart, Claudius, Goethe, Corinth, Chargall, Haydn, Hufeland, Lessing, Liszt, Loewe, Lorzing, Heine, Fichte, Ossietzky‚ Semper, Tucholsky, Brockhaus, Stresemann, Schliemann, Graf Luckner und zahlreiche amerikanischer Präsidenten sind nur eine kleine Auswahl.

 

Die erste Großloge wurde 1717 in London durch die Zusammenlegung von vier kleineren Logen gegründet. Von England breitete sich die Bewegung dann auch sehr schnell auf den Kontinent aus.

Schon 1738 wurde die erste Freimaurerloge „Absalom zu den drei Nesseln“ in Hamburg gegründet. Auch die Tatsache, dass viele Landesfürsten und ein großer Anteil des Adels einer Loge beitraten, führte zu einer raschen Ausbreitung auch in Deutschland. So entstanden in Deutschland verschiedene Großlogen.

1740 die „Große Nationale Mutterloge zu den drei Weltkugeln”. 1770 die „Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland“, auch Freimaurerorden genannt, um 1800 die Großloge „Royal Yorck zur Freundschaft”. Seit 1872 ging es darum, diese Großlogen miteinander zu vereinigen, was seinen Ausdruck in der Gründung des Großlogenbundes fand. Aber erst 1985 wurde dieses Einigungswerk durch die Gründung der Vereinigten Großlogen, Bruderschaft der deutschen Freimaurer, abgeschlossen.

 

Weltbruderkette

Freimaurer-Logen gibt es in allen Ländern der Erde. Eine „Weltfreimaurerei“ mit internationaler Leitung gibt es jedoch nicht. Freimaurer fühlen sich verbunden durch eine gemeinsame Lebenseinstellung, Ziele und Ideale und bilden so eine weltumspannende “Bruderkette”.

 

Wer kann Freimaurer werden?

Jeder „freie Mann, von gutem Rufe” der über 21 Jahre alt ist und der an einen „göttlichen Schöpfergeist” glaubt, kann in den Bund der Freimaurer aufgenommen werden. Dabei spielen Beruf, gesellschaftlicher Stand oder Ausbildung keine Rolle. Vor der Aufnahme liegt eine Zeit des „Kennenlernens”. Ist der Entschluss zum Beitritt gereift, übernehmen zwei Brüder die Rolle von „Bürgen.“ Die Aufgabe dieser Brüder ist ausschließlich im ideellen und nicht im materiellen Sinn zu verstehen und endet nicht mit der Aufnahme in die Loge. Sie sollen den neuen Bruder über eine gewisse Zeit begleiten, Ansprechpartner sein, bei allen Fragen, Erläuterungen und Hilfestellungen auf dem Weg durch den Bund geben.

 

Freimaurerei - Eine Lebensschule?

Die Freimaurer wollen über alle weltanschaulichen, politischen, nationalen und sozialen Grenzen hinweg Trennendes überwinden und die Menschen einander näherbringen. Die Idee der Freimaurerei widmet sich dem einzelnen Menschen. Aber sie gewinnt erst dann an richtigem Wert, wenn sie auch in die Umgebung, also in das „profane” Leben übertragen wird. Profanes Leben bedeutet unsere tägliche Welt, unser Betätigungsfeld außerhalb der Loge. Hier kann die Idee der Freimaurerei dazu beitragen, in jeden Tag Balance und Harmonie zu übertragen. So sind der Inhalt und die Beschäftigung mit den Ideen und Zielen der Freimaurerei zu vergleichen mit einem Lebenskurs. Und so ein Kurs ist nicht in einen Monat oder einigen Jahren beendet. Er dauert, aufgrund der immer wieder neu empfundenen Erkenntnisse, ein ganzes Leben. Deshalb sollte eine Mitgliedschaft auch das ganze Leben lang dauern.

(Das bedeutet nicht, dass man den Bund nicht wieder verlassen kann, wenn man der Meinung ist, schwerwiegende Gründe dafür zu haben.)

 

Die Rolle der Ehe- bzw. Lebenspartnerin

Wenn der Aufnahmeantrag gestellt wird, legen wir sehr viel Wert auf das Einverständnis der Ehe- bzw. Lebenspartnerin. Wir meinen, dass auch sie von der Mitgliedschaft in der Bruderschaft profitiert. Sie wird erleben, dass der Partner „erfüllt” aus der Loge nach Hause kommt. Er wird mit ihr über das Erlebte sprechen, so dass auch sie für sich selbst und ihre Lebensgemeinschaft Gewinne erhalten wird.

Dass der Bund der Freimaurer ein reiner Bruderbund ist, hat zunächst rein traditionelle Gründe und nichts mit Frauenfeindlichkeit zu tun. Im Gegenteil, es ist die Achtung vor unseren Partnerinnen, die wir „Schwestern” nennen, fester Bestandteil freimaurerischer Grundsätze. Mehrmals im Jahr werden die Schwestern zu Veranstaltungen und Festen eingeladen, sodass sie sich aktiv am Logenleben beteiligen können, auch wenn eine Teilnahme an den offiziellen Logenarbeiten nicht möglich ist.

 

Ein Abend in der Loge

Wenn die Türen geschlossen werden, vergisst man für einige Zeit die „profane" Welt. Es entsteht ein geistiger Freiraum, Platz für Gedanken. Die Brüder widmen sich der freimaurerischen “Arbeit”.

In besonderer, sehr feierlicher Kleidung kommen die Brüder zusammen, erleben gemeinsam nach dem Muster überlieferter Rituale, unter Verwendung alter Werkzeuge, symbolische Handlungen. Das Wichtige ist das Erleben, die persönliche Auseinandersetzung mit der Symbolik und ihre persönliche Interpretation.

Um dieses individuelle Erleben zu ermöglichen, wird z. B. mit einem neuen Bruder nicht vorher über Abläufe gesprochen. Das „Geheimnis” hat also auch heute noch seinen Sinn. Hier wird auch deutlich, dass ein neuer Bruder seiner Loge bei der Aufnahme einen enormen Vertrauensvorschuss entgegenbringen muss. Er lässt sich auf etwas zunächst Unbekanntes ein, dessen Geheimnisse und Hintergründe er erst im Laufe seines Logenlebens erfahren wird. Er gewinnt dabei aber das Vertrauen und die Unterstützung seiner neuen Brüder, die ihn mit der Aufnahme in die Bruderkette als gleichwertig anerkennen. Unter Brüdern entstehen oft Bindungen, die aufgrund gleicher Vorstellungen und gleicher Ideale über normale Freundschaft weit hinausgehen. Die Zugehörigkeit zum Bund der Freimaurer eröffnet neue Perspektiven und verhilft oft zu einem wesentlich bewussteren, erfüllten, gestärkten Leben.